Dienstag, 27. Oktober 2015
Geblieben: Gestern 05
Man lebt nur einmal in den Tag hinein, alle weiteren Tage sind Abziehbilder von ein und der selben Kopie, von der ich erfolglos das Original suchte. Eigentlich den Tag vor diesem Tag, aber ich weiß nicht mehr, wann es ihn zuletzt gab.

In den alten Notizen wühlen und an fast vergessene Erlebnisse denken, so sieht mein Leben in diesem Tag aus. Dann denke ich an alte Freunde und versuche im Telefonbuch, sie ausfindig zu machen, bis Hunger oder Durst mich abschweifen lassen. Ich kaufe ein paar billige Dinge bei Aldi ein und dann trinke ich ein paar Biere.

Ich greife zum Telefon und dann fällt mir keine Nummer ein. Holger wollte ich nicht mehr anrufen seit er nur noch depressiv ist. Manfred treffe ich manchmal draußen, jedes Mal vollgeschwämmter von Psychopharmaka. Alle sind inzwischen depressiv, wenn sie nicht gestorben sind. In meinen Notizen finde ich Überschriften, aber die Ideen zu deren Romanen sagen mir heute nichts mehr.

Früher habe ich mir voller Sehnsucht und Hoffnung ausgemalt wie es wäre, Rentner zu sein. Nun bin ich, aber habe nichts. Vorher hatte ich auch nichts bis auf meine Ideen. Diese Ideen um zu setzen ist allerdings wohl eher nicht mein Talent. Mir fehlt es heute an Erlebnissen und an Bekannten und Freunden. Ich sitze in der Bude und hadere mit meinem Schicksal. Ich gehe auf und ab als würde ich eine Strafe „absitzen“.

Schuldig im Sinne der Anklage, denn ich warte auf den Tod und mache es mir so angenehm wie möglich. Wenn ich jetzt Selbstmord begehen würde, was würde das ändern? Vielleicht gibt es ja ein „Leben nach dem Tod“ und ich freute mich, dass ich es endlich getan habe... Andererseits könnte es sein, dass ich ein Leben nach dem Leben finde und jeden Gedanken an den Tod vergesse. So gesehen bin ich ein Goldgräber, der nur den Sand wäscht und nicht darauf achtet, ob Gold darin ist...

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